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Haar
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Ein Haar (lateinisch pilus, capillus [Haupthaar], crinis, coma) ist ein langer Hornfaden, der auf der Haut von Säugetieren wächst. Haare bestehen im Wesentlichen aus Keratin. Alle Säugetiere tragen auf ihrer Haut zumindest teilweise Haare, die Schleimhäute sind immer unbehaart. Mit wenigen Ausnahmen (Handflächen, Fingerinnenseiten, FuĂsohlen, Brustwarzen, Lippenrot) ist die gesamte äuĂere Haut des Menschen behaart. Bei der menschlichen Behaarung wird unterschieden in Kopfhaar, Barthaar und KĂśrperhaar.
Contents
⢠Etymologie
⢠Tierhaare, Fell
⢠Das Haarorgan
⢠Aufbau
⢠Haarwurzel
⢠Haarformen
⢠Haarwachstum
⢠Haarzyklus
⢠Trichogramm
⢠Haarkrankheiten
⢠Kunsthaar
⢠Verwertung
⢠Siehe auch
⢠Literatur
⢠Weblinks
⢠Einzelnachweise
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Etymologie
Die Bezeichnung mittelhochdeutsch, althochdeutsch hÄr, âHaarâ, auch vom Tierfell gesagt, geht auf germ. *hÄra- âHaarâ zurĂźck, das zu der idg. Wurzel kĚer[s] âstarren; rauh, struppig seinâ gehĂśrt.cite-ref-1[1]
Begriffliche Abgrenzung
Neben dem hier behandelten Haar der Säugetiere gibt es eine Reihe haarähnlicher Strukturen, die umgangssprachlich oft ebenfalls als Haare oder als Härchen bezeichnet werden, so Pflanzenhaare Trichome, Setae die haarähnlichen Gebilde bei GliederfĂźĂern, Chaetae bei RingelwĂźrmern, Spatulae, die Hafthärchen an den FĂźĂen von Geckos, Sensillen, haarähnliche Sinnesorgane bei GliederfĂźĂern und einigen Reptilien, Zilien (insbesondere Kinozilien) Flimmerhärchen an Zellen und Stereozilien, haarähnliche Fortsätze an Sinneszellen (Haarzellen). Bei allen diesen genannten Strukturen handelt es sich aber nicht um echte Haare.
Tierhaare, Fell
Die Behaarung ist die charakteristische KĂśrperbedeckung aller Säugetierarten und wird meist als Fell oder Pelz bezeichnet (mit Haut: Balg). Bei einigen Arten oder in bestimmten Lebensabschnitten und KĂśrperregionen werden jedoch kaum Haare gebildet. Man unterscheidet bei Tieren Fellhaare (Capilli, als Leit- und Grannenhaare), Borstenhaare (Setae), Wollhaare (Pili lanei) und Langhaare. AuĂerdem besitzen viele Säugetiere Vibrissen (Tasthaare). Daneben treten weitergebildete, verhornte Haare als Stacheln (z. B. beim Igel) auf.
Das Haarorgan
Aufbau
Das Haar ist grob in drei Schichten aufgebaut: Cuticula, Cortex und Medulla.
Die äuĂerste Schicht, Cuticula oder Schuppenschicht genannt, besteht aus flachen, Ăźbereinandergreifenden, verhornten, abgestorbenen Zellen, ähnlich zur Haarspitze orientiert wie bei einem Tannenzapfen. Sie besteht aus sechs bis zehn solcher Zelllagen. Die Schuppenschicht zeigt den Gesundheitszustand des Haares an. Beim gesunden Haar liegt die Schuppenschicht flach an und ergibt so eine glatte, durchscheinende Oberfläche. Das Licht wird optimal reflektiert und ergibt so den gesunden Glanz des Haares. Alkalisches Milieu Ăśffnet die Schuppen, saure Umgebung verschlieĂt sie.
Der Cortex (âRindeâ) â auch Faserschicht oder Faserstamm genannt â macht ca. 80 % des Haaranteils aus. Hier spielen sich alle fĂźr den Friseur relevanten chemischen Prozesse ab. Der Cortex besteht aus FaserbĂźndeln, die aus einer groĂen Zahl feinster Keratinfasern, den Fibrillen, bestehen. Diese entstehen vermutlich dadurch, dass sich Cortexzellen aneinanderlagern. Die Verbindung zwischen den beiden Zellen wird durch den Zellmembrankomplex hergestellt, den man sich als eine Art Kittsubstanz vorstellen kann. Die ReiĂfestigkeit und Elastizität des Haares sind auf diese Verkittung zurĂźckzufĂźhren.
In wenigen Fällen, und dann auch nur bei dicken Haaren, fällt eine starke Auflockerung der Faserstruktur im Zentrum des Haares auf. In seiner Längsrichtung zeigt sich eine kanalfĂśrmig verlaufende, je nach Haardurchmesser unterschiedlich breit auftretende und unregelmäĂig angeordnete Masse. Die im Faserstamm sonst so geordnete Struktur fehlt hier. Teilweise sind Hohlräume zu erkennen. Diesen Bereich des Haares nennt man Markkanal oder einfach Mark (Medulla).
Haarwurzel
Der in die Haut versenkte Teil des Haares wird als Haarwurzel (Radix pilii) bezeichnet. Im unteren Bereich der Lederhaut entsteht das Haar an der Haarpapille. Im Bildungsbereich, der Matrix, lagern zahlreiche Melanozyten, die ihre Pigmente an das entstehende Haar abgeben. Die keratinreichen Hornzellen wandern nach oben und bilden dabei den Haarschaft, der sich innerhalb des Follikels zur Hautoberfläche schiebt.
Haarfollikel (Haarbalg)
Der Haarschaft (Scapus) liegt in einer länglichen Einstßlpung der Oberhaut, dem Haarfollikel oder Haarbalg (Folliculus pili), an dessen unteren Ende das Haar in der Haarwurzel (Radix pili) gebildet wird. In den Follikel mßndet eine Talgdrßse, an manchen KÜrperstellen auch eine Duftdrßse.
Der Haarfollikel ist seiner Länge nach von einer inneren und einer äuĂeren epithelialen Haarwurzelscheide umgeben.
Die äuĂere Haarwurzelscheide kann als Fortsetzung des Stratum basale epithelii (= Stratum germinativum epithelii) in den Haartrichter aufgefasst werden. Unter dem Haartrichter versteht man die trichterfĂśrmige Einsenkung der Haut an der Stelle, wo das Haar aus der Haut austritt. Die äuĂere Haarwurzelscheide umgibt den in der Haut verlaufenden Teil des Haares, die Haarwurzel und bildet eine HĂźlle um die innere Haarwurzelscheide, die mit ihren gegen die Haarwurzel gerichteten HornschĂźppchen (s. Abb.) das wachsende Haar im Follikel hält.
Die innere Haarwurzelscheide umgibt sowohl die Haarwurzel als auch den Haarschaft im Follikel und stammt von am äuĂeren Rand der Haarwurzel gelegenen Matrixzellen ab. Sie lässt sich weiter untergliedern in:
⢠Henle-Schicht (äuĂerste Schicht)
⢠Huxley-Schicht (mittlere Schicht)
⢠Kutikula (innerster, der Haarwurzel, respektive der Wurzelrinde anliegender Teil der inneren Haarwurzelscheide)
Die Zellen der inneren epithelialen Haarwurzelscheide verhornen ebenfalls und verankern das Haar im Follikel: Ihre Hornschuppen sind gegen die Wurzel gerichtet, die Schuppen des Haares dagegen zur Haarspitze, wodurch sie verzahnt sind.
Die äuĂerste HĂźlle, die bindegewebige Wurzelscheide, verankert den Follikel in der Dermis. An ihr setzt, auĂer bei Primärhaaren (Deck- und Fellhaare), der aus glatter Muskulatur bestehende kleine Haaraufrichtemuskel (Musculus arrector pili, auch Haarbalgmuskel oder Pilomotor) an. Er richtet das Haar bei Kälte oder psychischen EinflĂźssen wie Erregung und Wut auf. Beim Menschen nennt man die durch das Aufrichten der Haare (Piloerektion) entstehende Hautstruktur auch Gänsehaut. Die zur äuĂeren Wurzelscheide gerichtete Schicht platter Epithelzellen der inneren Wurzelscheide wird auch als Henle-Schicht bezeichnet.
SchlieĂlich umwickeln einige Nervenfasern den Follikel und erfĂźllen als Haarfollikelrezeptoren Tastfunktionen.
Feinaufbau des Cortex
Der Cortex (Faserstamm) besteht aus langgestreckten, ca. 5 Âľm dicken Cortexzellen. In den Cortexzellen sind 20â30 Makrofibrillen eingelagert, die den Haaren die Festigkeit geben. Eine Makrofibrille (Durchmesser 300 nm) enthält Hunderte von Mikrofibrillen (Durchmesser 7â10 nm), diese wiederum Protofibrillen, bestehend aus helixfĂśrmigen Keratin-MolekĂźlen. Die Fasern sind untereinander Ăźber SchwefelbrĂźcken verbunden und mechanisch miteinander verdrillt. Die Cortexzellen sind in eine Art Kitt eingebettet (isotropes Keratin).
Biochemie des Haares
Die am Aufbau der Haare beteiligten Substanzen bestehen hauptsächlich aus den Elementen Kohlenstoff (50 %), Sauerstoff (23 %), Stickstoff (17 %), Wasserstoff (6 %) und Schwefel (4 %). Unter normalen Bedingungen hat menschliches Haar einen Wasseranteil von 10 %, der seine mechanischen Eigenschaften erheblich beeinflusst. Je nach Feuchtigkeit der umgebenden Luft kann der Wasseranteil Ăźber Diffusion von Wasserdampf auf Ăźber 30 % ansteigen. Andererseits wirkt Haar wasserabstoĂend, weil insbesondere auch die äuĂere Cuticula Lipide wie Fette, Fettsäuren, Sphingolipide (Ceramide, Sphingomyeline, Cerebroside und Ganglioside) und Steroide wie Cholesterol und seine Derivate (v. a. Cholesterolsulfat) enthält.
Der Cortex, also der Hauptteil des Haares, besteht im Wesentlichen aus natĂźrlichen Polymeren: 90 Prozent des Trockengewichtes sind Proteine (EiweiĂe), die als Keratine bezeichnet werden. Die Konformation ist Ăźberwiegend helikal (Peptid-Spirale). Die Haarproteine werden durch kovalente DisulfidbrĂźcken zwischen Cysteinresten zusammengehalten, aber auch durch schwächere Dipol-Dipol-Wechselwirkungen sowie WasserstoffbrĂźckenbindungen und Van-der-Waals-Kräfte. Die Keratine bilden dabei Filamente, die sich wiederum zu Makrofibrillen zusammenlagern.
Keratin ist chemisch sehr stabil â in ägyptischen Gräbern wurde nahezu intaktes Haar gefunden. Eine Veränderung des Cystein-Anteils fĂźhrt zu einer Ănderung der Steifigkeit des Haares. Die Eigenschaften von Keratin bedingen alle chemisch relevanten Prozesse, die die Form oder Art einer Frisur ausmachen. Die DisulfidbrĂźcken werden z. B. durch Dauerwellprodukte wie Thioglycolat gespalten, wodurch die Vernetzung vorĂźbergehend aufgehoben wird. WasserstoffbrĂźcken im Keratin werden dagegen leicht gelockert und ermĂśglichen eine Umformung des Haares, beispielsweise durch FĂśhnen, Eindrehen oder durch Anfeuchten und in Form Trocknen.
Melanine sind fĂźr die Haarfarbe verantwortlich. Eumelanin bestimmt dabei TĂśne von Braun bis Schwarz. Phäomelanin ist fĂźr blonde bis rote Haare farbbestimmend. Das Dilute-Gen ist fĂźr graue bis isabellfarbene Haarfarben verantwortlich. Bei Menschen mit Albinismus sind die Haare aufgrund des Fehlens von Melaninen weiĂ bis hellblond. Der UV-Anteil im Sonnenlicht kann, insbesondere bei Einwirkung von Salzen (z. B. im Meerwasser) und Sauerstoff, das Melanin bleichen. Ăhnliche FarbtĂśne werden beim Blondieren mit Wasserstoffperoxid erzielt. Bei einer Ausbleichung oder einer Blondierung verändert sich jedoch auch die Struktur des Haars.
Deutsche und britische Forscher verÜffentlichten im März 2009 eine Studie, in der sie feststellten, dass die Graufärbung von Haaren im Alter Folge eines geringeren Abbaus von Wasserstoffperoxid in den Haaren ist.cite-ref-2[2]
Daneben enthalten Haare eine groĂe Anzahl von Spurenelementen und auch MedikamentenrĂźckstände. Einige Stoffe sind dabei durch UmwelteinflĂźsse bestimmt oder durch unterschiedliche Ernährung und Lebensweise variabel.
Haararten und ihre Lage beim Menschen
Zahlen fĂźr Haare beim Menschen
Wachstumsrate und Haardurchmesser sowie die Anzahl der Haare sind genetische Faktoren, die bei jeder Person unterschiedlich sein kĂśnnen. Dennoch schwankt die Anzahl der Haare je nach Haarfarbe innerhalb bestimmter Bereiche. So haben Blonde durchschnittlich 150.000, Schwarzhaarige 110.000, BrĂźnette 100.000 und Rothaarige 75.000 Kopfhaare.
⢠Anzahl der Kopfhaare: ca. 0â150.000
⢠Anzahl der Haare am gesamten KÜrper: ca. 5.000.000
⢠Haardichte: ca. 200 Haare/cm²
⢠täglicher Kopfhaarverlust: ca. 60â100 StĂźck
⢠Wachstumsrate: ca. 0,33 mm/Tag, mithin etwa 1 cm/Monat
⢠Haardurchmesser: 0,04 mm (Vellushaare) bis 0,12 mm (Terminalhaare)
⢠Zugfestigkeit: ca. 200 N/mm²
⢠Elastizitätsmodul: 125 N/mm²cite-ref-3[3]
⢠Lebensdauer der Haarwurzel: ca. 6â8 Jahre
Haare wachsen ständig. (Das Haarwachstum endet mit dem Tod, das scheinbare Wachstum der Barthaare bei Verstorbenen beruht allein auf der Schrumpfung der Haut durch Wasserverlust.)
Haarformen
Die Art der Haarausbildung (glatt, gewellt, gelockt, kraus) hängt maĂgeblich von der Haarform, also dem Haarquerschnitt, und der Wuchsrichtung, also dem Haarstrich, ab. Haare von Ostasiaten und den meisten amerikanischen Ureinwohnern haben einen runden Querschnitt, wodurch sie in der Regel sehr glatt sind. Das Haar von Menschen indoeuropäischer Abstammung sowie von Polynesiern und australischen Aborigines weist zumeist einen runden bis ovalen Querschnitt auf, wodurch die Haare glatt bis gewellt sind oder zur Bildung von Locken neigen. Menschen aus Subsahara-Afrika und Melanesien sowie die dunkelhäutige UrbevĂślkerung des malaiischen Raumes haben dagegen Haare mit stark elliptischem Querschnitt; darum bilden ihre Haare meist sehr starke, kleine Locken (Kraushaar).
Eine besondere Haarform mit scheinbar spiralig zusammengedrehten HaarbĂźscheln, zwischen denen die Kopfhaut sichtbar ist, wird als Filfil oder âPfefferkornhaarâ bezeichnet. Sie kommt nahezu ausschlieĂlich bei den Nachkommen der ältesten menschlichen Population vor,cite-ref-4[4] die nach Untersuchungen von Humangenetikern vor ungefähr 200.000 â 300.000 Jahrencite-ref-0-5-0[5] von jenen anderer Populationen abzweigte und die heute bei den Khoisan und den Mbuti-Pygmäen zu finden ist.cite-ref-6[6]
Haarwachstum
Haare wachsen in Zyklen, ein Haarfollikel durchläuft dabei mehrere Phasen, die als Haarzyklus bezeichnet werden. Kopfhaare wachsen pro Tag 0,3 bis 0,5 mm, in einem Jahr ca. 15 cm. Dieser Wert variiert jedoch in den menschlichen Populationen: So haben Subsahara-Afrikaner ein deutlich langsameres Haarwachstum.cite-ref-khumalo-7-0[7] FĂźr die resultierende Haarlänge ist aber neben der Wachstumsleistung auch die Dauer des anhaltenden Wachstums entscheidend. Während viele Tiere saisonalbedingt ein- oder zweimal im Jahr Haarausfall erleben, wächst das Haupthaar des Menschen Ăźber mehrere Jahre hindurch, bei Frauen länger als bei Männern, bis zum Ausfall des (langen) Haares. Die Stärke des Wachstums hängt von individuellen Faktoren sowie vom Zeitpunkt im Haarzyklus ab. Auch die Dauer der Wachstumsphase ist genetisch bedingt und weist regionale Unterschiede auf. Etwa sind die in der sĂźdchinesischen Region Guangxi lebenden Yao bekannt fĂźr ihre extrem langen Haare, die oft länger als 1,50 Meter werden und die in ihrer Kultur eine besondere Rolle spielen. Der Wachstumszyklus muss demnach besonders lang sein. DemgegenĂźber steht das kurze âPfefferkornhaarâ der Khoisan, das vermutlich auf eine genetisch bedingte sehr kurze Lebensdauer der Haare zurĂźckzufĂźhren ist.cite-ref-khumalo-7-1[7]
Haarzyklus
⢠Anagenphase: In dieser Wachstumsphase bildet sich eine neue Haarwurzel, und die Produktion eines Haares beginnt. Die Anagenphase dauert beim menschlichen Kopfhaar ca. zwei bis sechs Jahre, abhängig von Alter, Geschlecht und spezifischer Stelle. Etwa 85â90 % der Haare auf der Kopfhaut befinden sich in dieser Phase. Haare in der Anagenphase nennt man âPapillarhaareâ.
⢠Katagenphase: In dieser etwa 2 bis 3 Wochen dauernden Ăbergangsphase stellt die Matrix ihre Zellproduktion ein und der Haarfollikel verengt sich im unteren Bereich. Das Haar lĂśst sich von der Papille und verkĂźmmert. Der Haarfollikel verkĂźrzt sich. In dieser Phase befinden sich ca. 1 % aller Haare, die dann als âBeethaareâ bezeichnet werden.
⢠Telogenphase: Mit dieser Endphase, in der sich bis zu 18 % der Kopfbehaarung befindet, erneuert sich die Haarpapille und der Haarfollikel regeneriert sich. Die Matrix entsteht wieder und beginnt mit der Zellteilung, wodurch ein neues Haar entsteht. Dieser Abschnitt des Haarzyklus dauert 2 bis 4 Monate. Die Haare in der Telogenphase nennt man âKolbenhaarâ.
DarĂźber hinaus wird bei Tieren eine Kenogenphase unterschieden. Sie beginnt nach dem Ausfall des Haares und endet mit dem Beginn eines neuen Haarzyklus. Ăber diese haarlosen Haarfollikel wird die unterschiedliche Felldichte im Sommer- bzw. Winterfell gesteuert.cite-ref-10[10]
Trichogramm
Bei Verdacht auf strukturelle Schäden der Haare oder zur Abklärung eines Haarausfalls wird ein Trichogramm angelegt. Dazu werden mit einer Pinzette 50 bis 100 Haare ausgezupft (nachdem drei Tage lang nicht gewaschen und nur vorsichtig gekämmt wurde). Unter dem Mikroskop werden anschlieĂend die Haarwurzeln beurteilt und den einzelnen Wachstumsphasen zugeordnet. Normalwerte: Anagenhaare 85 Prozent, Katagenhaare 1 %, Telogenhaare 13 %. Der Rest entfällt auf defekte Haare. Seit einigen Jahren wird häufig anstelle des Trichogramms ein Computertrichogramm durchgefĂźhrt. Dabei werden in einem kleinen Areal die Haare gekĂźrzt und nach zwei Tagen mit einer Kamera aufgenommen. Auf diese Weise kann der Anteil der Anagenhaare (gewachsene Haare) bestimmt werden, ohne die Haare auszuzupfen.
Entwicklung von Kopf- und KĂśrperbehaarung
Der gesamte menschliche KÜrper ist bis auf wenige Ausnahmen von Haaren bedeckt. Zu unterscheiden sind das Kopfhaar, die Schambehaarung und die ßbrige KÜrperbehaarung, da sie in Bezug auf die Sensibilität auf Androgene jeweils anderen Entwicklungsmodalitäten folgen.
Bei Geburt kann Kopfhaar gebildet sein, welches allerdings häufig nicht bleibt. Das Kopfhaar wird danach bereits in der frßhen Kindheit als Terminalhaar ausgebildet. Die KÜrperbehaarung besteht zunächst vollständig aus Vellushaar und entwickelt sich erst später, in der Pubertät, an bestimmten Stellen zu Terminalhaar. Ausnahmen bilden allerdings die Wimpern und Augenbrauen, die wie das Kopfhaar bereits vom Kindesalter als Terminalhaar vorhanden sind.
Mit der Pubertät beginnen in aller Regel auch Scham- und Achselbehaarung ßppiger zu wachsen, beim Mann auch der Bart, später meist auch auf Brust und Schultern.
Mit dem Alter, oft auch vorzeitig, vermindert sich das Wachstum des Haupthaares, vor allem vieler Männer. Umgekehrt nimmt das Haarwachstum an den Oberlippen von Frauen zu. Auch an Ohrläppchen, FĂźĂen und Nase nimmt das Haarwachstum meist zu.
Haarkrankheiten
Haarkrankheiten kĂśnnen auf unterschiedlichste Ursachen zurĂźckgefĂźhrt werden. Dazu gehĂśren genetische, hormonelle oder EinflĂźsse der Umwelt.
⢠Alopezie (Haarausfall)
⢠Hypotrichose (Haarmangel)
⢠Hypertrichose (Ăberbehaarung)
⢠Trichiasis (Einwärtskehrung der Wimpern und Reiben auf der Hornhaut)
⢠Monilethrix (brßchige Haare durch Haarveränderung)
⢠Trichorrhexis nodosa (knotig verdickte Stellen, brßchige Haare)
⢠Trichomycosis palmellina (bakterielle Besiedelung der Haarschäfte)
⢠Hirsutismus (männlicher Behaarungstyp bei Frauen)
⢠Albinismus (Farblosigkeit infolge Melaninmangels, mit weiĂem Haarkleid)
⢠Pili annulati (Ringelhaare, erblich bedingte Streifung der Haare)
⢠Trichofollikulom (gutartiger Tumor der Haarfollikel)
⢠Pilomatrixom (gutartiger, verkalkender Hauttumor der Haarmatrix)
⢠Trichotillomanie (zwanghaftes AusreiĂen der Haare, im engeren Sinne keine Haar-, sondern eine psychische Krankheit)
⢠Bandhaar (abgeflachter Querschnitt der Haare)
⢠Weiterhin gibt es einige Arten der Dermatomykose (hauptsächlich der Dermatophytose), die sich verschiedentlich auf das Haarwachstum auswirken kÜnnen. Die Krankheitserreger befallen hierbei die Haarbälge bzw. -follikel.
Labortiere mit genetisch bestimmten Haaranomalien werden zur molekularbiologischen Aufklärung gezßchtet (Nacktmäuse oder anderecite-ref-11[11]).
Aufgaben und Funktionen der Haare
Die Behaarung erfĂźllt mehrere Funktionen:
⢠Wärmedämmung: Haare verhindern ein zu rasches Abkßhlen (Hypothermie) des KÜrpers. Bei den meisten Säugetieren bildet die dichte Behaarung ein Fell aus Deckhaar (Oberhaar) und Wollhaar (Unterwolle), das der Wärmeregulation dient.
⢠Tasten: durch Nervenfasern am Haarbalg dienen die Haare dem Tastsinn. Es gibt spezielle Tasthaare.
⢠Tarnung: Die Behaarung oder das Fell besitzt meist Farbpigmente und bestimmt das Aussehen eines Tieres. Bei einigen Tieren passt sich die Fellfarbe der Jahreszeit an â sie ist beispielsweise im Winter heller (siehe auch Fellwechsel).
⢠Lichtschutz: Haare absorbieren UV-Strahlung sowie Infrarotlicht (Wärmestrahlung) und schßtzen somit vor schädlichen Einflßssen des Sonnenlichts.cite-ref-12[12]
⢠Feuchtigkeitsschutz gegen Regen und beim Schwimmen, durch Ableiten des Wassers in Richtung des Haarstriches, in Kombination mit Einfetten (z. B. Bibergeil (Castoreum) des Bibers). Fehlende Talgdrßsen (z. B. bei Moschusochsen) machen die Tiere anfällig gegen Regen.
⢠Beispielsweise beim Pferd dient das Schweifhaar von Mähne und Schweif dem Vertreiben von Insekten.
⢠Imponier- und Drohfunktionen: Scheinbare VergrĂśĂerung eines Tieres durch temporäres Aufrichten des Fells oder festgelegte Verteilung des Haarkleids (Drohverhalten).
⢠Bessere Verbreitung von kÜrpereigenen Duftstoffen, wie z. B. Pheromonen.
⢠Feuchtigkeitsregulierung: Die Haut ist mit SchweiĂdrĂźsen versehen. ĂberschĂźssige Feuchtigkeit wird von den Haaren abgeleitet.
Kunsthaar
Folgende Produkte werden aus Kunsthaar gefertigt.
⢠kßnstliche Wimpern
⢠Haarverlängerung (englisch Extensions) (Haarteile/Echthaar bis Kunstfaser)
Verwertung
⢠Besonders langes und mĂśglichst starkes Haar wird â abgeschnitten â zu PerĂźcken verarbeitet.
⢠Das deutsche Start-up Hair Helps the Oceans sammelt Schnitthaar von Friseuren, um es zu Matten zu verarbeiten, die durch Aufsaugen Gewässer von Ăl, Benzin, SonnenĂśl reinigen.cite-ref-13[13]
Haare in Kunst und Literatur
⢠1740 Ichs (Roland Becher, 2006), Mosaik aus 1740 Kunstharzwßrfeln mit eingegossenen Haaren von 1340 Gemeindebßrgern im Gemeindehaus von Sulzberg (Vorarlberg), Länge 8 m, HÜhe 2,5 m,
⢠Rapunzel, Märchen der Brßder Grimm: Ein Prinz klettert am Haarzopf zur späteren Prinzessin, die in einen Turm gesperrt ist.
⢠Struwwelpeter, Kinderbuch (1845) von Heinrich Hoffmann
⢠Asterix der Gallier, Comic, Film: Nach Einnahme eines Haarwuchszaubertranks wachsen den RÜmern Kopf- und Barthaare zusehends.cite-ref-14[14]
⢠Redewendung: (ein Argument) ist âan den Haaren herbeigezogenâ
Siehe auch
Literatur
Naturwissenschaftliche Literatur
⢠H. Zahn: Das Haar aus der Sicht des Chemikers. In: Chemie in unserer Zeit. 23. Jahrg. 1989, Nr. 5, S. 141, ISSN 0009-2851
⢠Constantin E. Orfanos (Hrsg.): Haar und Haarkrankheiten. Fischer, Stuttgart / New York 1979, ISBN 3-437-30282-5.
⢠Arthur R. Rook, Rodney P. R. Dawber: Haarkrankheiten. Diagnose und Therapie. Blackwell, Berlin 1995, ISBN 3-89412-102-5.
⢠Robert Sauer: Asiatische und europäische Humanhaare â ethnische Unterschiede und ihre Relevanz fĂźr den DauerwellprozeĂ. Dissertation. RWTH, Aachen 2001 (Volltext).
⢠Hans Geyer: Haare. In: Salomon/Geyer/Gille (Hrsg.): Anatomie fĂźr die Tiermedizin. 2. erw. Auflage. Enke-Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8304-1075-1, S. 637â640.
Sonstige Literatur
⢠Stefanie Adomeit: Aspekte einer literarischen Obsession â das Haar als Fetisch-Motiv des 19. Jahrhunderts. Dissertation. Universität Freiburg im Breisgau, 2007 (Volltext).
⢠Kim Bagus, Franz Josef GÜrtz (Hrsg.): Glatze, Zopf und Dauerwelle. Ein haariges Lesebuch. Reclam, Leipzig 1996, ISBN 3-379-01560-1.
⢠Christian Janecke (Hrsg.): Haar Tragen. Eine Kulturwissenschaftliche Annäherung. BÜhlau, Wien/KÜln 2004, ISBN 3-412-19103-5.
⢠Michel Odoul, RÊmy Portrait: Was Haare verraten. Aurum, Braunschweig 2000, ISBN 3-591-08472-7 (psychologischer Ansatz).
⢠Imke Barbara Peters: Es wächst auf Dir. Unterhaltsames, Kurioses, Amßsantes, Wissenswertes ßber Haare. Stam, KÜln 1997, ISBN 3-8237-7438-7.
⢠Ralph M. Trßeb, Doris Lier: Hauptsache Haar. Das Haar im Spiegel von Medizin und Psychologie. Rßffer und Rub, Zßrich 2002, ISBN 3-907625-13-7.
Weblinks
Wiktionary: Haar
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: Haar
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Wikiquote: Haar
â Zitate
⢠Literatur von und ßber Haar im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
⢠wissenschaft.de: Warum Haare ständig wachsen â Forscher: In der FrĂźhzeit der menschlichen Entwicklung zeigte die Frisur den sozialen Status an (Bericht Ăźber einen Artikel in New Scientist, 4. November 2006, S. 39).
⢠Hessischer Rundfunk: Kleine Kulturgeschichte des KÜrpers: (1) Das Haar (15. Juni 2009, Audio-Datei, MP3; 6,6 MB)
Einzelnachweise
cite-note-11. â Das HerkunftswĂśrterbuch (= Der Duden in zwĂślf Bänden. Band 7). 5. Auflage. Dudenverlag, Berlin 2014, S. 359 (books.google.de). Haar. In: Digitales WĂśrterbuch der deutschen Sprache. Abgerufen am 1. Februar 2021 (Abschnitt Etymologie). Friedrich Kluge, Alfred GĂśtze: Etymologisches WĂśrterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage, hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck (â21. unveränderte Auflageâ) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 278.
cite-note-22. â Wasserstoffperoxid ist Schuld an grauen Haaren. In: Spiegel online. Wissenschaft. 4. März 2009.
cite-note-33. â G. Sobottka, A. Weber: Geometrische und Physikalische Eigenschaften von Human-Haar. (PDF) Universität Bonn, Januar 2003, abgerufen am 12. Februar 2019.
cite-note-44. â Duden â Das groĂe FremdwĂśrterbuch: Herkunft und Bedeutung der FremdwĂśrter. Dudenverlag, Mannheim / Leipzig / Wien / ZĂźrich 2013.
cite-note-0-55. â Carina M. Schlebusch, Per SjĂśdin, Gwenna Breton, Torsten GĂźnther, Thijessen Naidoo, Nina Hollfelder, Agnes E. SjĂśstrand, Jingzi Xu, Lucie M. Gattepaille, MĂĄrio Vicente, Douglas G. Scofield, Helena MalmstrĂśm, Michael de Jongh, Marlize Lombard, Himla Soodyall, Mattias Jakobsson: Khoe-San Genomes Reveal Unique Variation and Confirm the Deepest Population Divergence in Homo sapiens. In: Molecular Biology and Evolution. Band 37, Nr. 10, Oktober 2020, S. 2944â2954 (englisch, oup.com [abgerufen am 2. März 2023]).
cite-note-66. â Gary Stix: Wie hat sich die Menschheit ausgebreitet? In: Spektrum der Wissenschaft. September 2009. Spektrumverlag, Heidelberg, 21. August 2009, abgerufen am 5. Juli 2024.
cite-note-khumalo-77. â Nonhlanhla P. Khumalo: African hair morphology: macrostructure to ultrastructure. In: International Journal of Dermatology, Ausgabe 44, Heft 1, Oktober 2005, Seite 10â12, DOI:10.1111/j.1365-4632.2005.02805.x, abgerufen am 10. Dezember 2024.
cite-note-88. â Christoph DrĂśsser: Rasieren nutzlos. auf: Zeit Online. Wissen. 25. März 1998.
cite-note-99. â Yelva L. Lynfield, Peter Macwilliams: Shaving and Hair Growth. In: Journal of Investigative Dermatology. Band 55, Nr. 3, 1970, S. 170â172, doi:10.1111/1523-1747.ep12280667.
cite-note-1010. â Meike Horn: Post-clipping Alopezie vs. Alopecia X â Fakten, Diagnostik und Therapieansätze. In: veterinärspiegel, Heft 4/2017. S. 135â140, abgerufen am 5. Juli 2024.
cite-note-1111. â JĂśrg Ehrhardt: Pathomorphologische Charakterisierung der neuen hypotrichen Mausmutante sht/sht. (PDF; 2,6 MB) Inaugural-Dissertation. Tierärztliche Hochschule Hannover, 1997.
cite-note-1212. â MarĂa Victoria de GĂĄlvez, JosĂŠ Aguilera, Jean-Luc BernabĂł, Cristina SĂĄnchezâRoldĂĄn, Enrique HerreraâCeballos: Human Hair as a Natural Sun Protection Agent: A Quantitative Study. In: Photochemistry and Photobiology. Band 91, Nr. 4, 2015, ISSN 1751-1097, S. 966â970, doi:10.1111/php.12433.
cite-note-1313. â Haare der Kunden helfen, Meere zu säubern. In: Kleine Zeitung, Print. 19. August 2022, S. 22, abgerufen am 5. Juli 2024.
cite-note-1414. â Haare â Asterix Archiv â Lexikon. Abgerufen am 12. September 2022.